vita

 

Kristin Kümmerle

geboren 1969 in Bonndorf, Schwarzwald
1989-1995 Sozialpädagogik Nürnberg
2002-2007 UdK Berlin (Ursula Neugebauer, Johan Lorbeer)
2011-2013 Edith-Maryon-Kunstschule Freiburg, Bildhauerei
lebt und arbeitet in Nürnberg

Kontakt:
kk@buero-beige.de

 


 

Die Poesie umhäkelter Kleiderbügel, die Komik taumelnder Blätter
Text: Hans Schödel

Wer mit Kristin Kümmerle unterwegs ist, mag sich bald wundern darüber, was diese Frau alles sieht. Es ist ihr ganz ­besonderer Blick auf die Welt. Ein Blick, der durch die Oberfläche der Dinge zu dringen scheint. Der sieht, was wir übersehen, weil es so selbstverständlich ist. Der am Rand der Wirklichkeit Dinge entdeckt, während wir  damit beschäftigt sind, das Offensichtliche abzuhaken. Der in jedem WORT auch die bloßen Buchstaben sieht. Der bereit ist, alles erst einmal buchstäblich zu nehmen. Immer wieder wird man erstaunt sein, was sie jetzt wieder ­entdeckt hat. Zuerst ist man erstaunt, dann entzückt – man ist bezaubert oder schlicht amüsiert.

An diesem im besten Wortsinne naiven, unbekümmerten, offenen Blick partizipiert jeder Betrachter der Videoarbeiten von Kristin Kümmerle. So wie bei Fischli und Weiss gleichermaßen Komik und Poesie aus der Nachstellung scheinbar banaler Alltagssituationen entstehen, so zeigt Kristin Kümmerle das Komische und Poetische, das sich schon im Alltag finden lässt. Entsteht bei den einen der Witz im Sinnlosen Hin- und Herrollen eines Plastikbechers, ist es bei Kümmerle ein Blatt, das im Wind auf eine Art und Weise schaukelt, die von hinreißender Komik ist.

Die Herauslösung dieser Momente aus dem Alltag und das Verfrachten in den Ausstellungskontext überhöht das ­Dargestellte vom bloß Beobachteten zum Symbolischen, vom ephemeren Ereignis zum bleibenden Artefakt. Und es schärft unseren Blick für die Wirklichkeit, die so viel mehr voll Poesie und Komik steckt, als wir meist ahnen.
Das zeigt auch der Blick durch eine Windschutzscheibe im Regen auf das Logo des davor geparkten Autos. Zunächst wieder scheinbar banal, wird bei längerer Betrachtung das Spiel der verschwimmenden Linien zu einem meditativen Erlebnis.

Doch Kristin Kümmerle lässt sich weder formal noch technisch auf eine Richtung festlegen. Viel zu groß ist ihre Neugier, die Welt zu entdecken, viel zu groß ihr Spaß am Spiel mit den Möglichkeiten der Darstellung, viel zu stark das innere ­Bedürfnis, Ideen und Phantasien, Träume und Traumata zu verarbeiten. Und so sind die Video-Momente nur Facetten
eines Werks, das von zarten, monochromen Bildern aus gemahlenen Blüten bis zu Text-Video-Installationen reicht, die Sprache und Geschlechterrollen reflektieren.

Wer Kristin Kümmerle bei der Arbeit erlebt, mag sich bald wundern über den Fleiß und die Beharrlichkeit, mit der sie, bis kurz vor der Obsession, eine Idee verfolgt, ein Projekt entwickelt, oft ohne selbst schon das Ziel zu kennen. Wochenlang übt sie sich in der Herstellung möglichst perfekter Wachsflecken. Ihre säuberlich aufgereihte Sammlung davon dokumentiert ebenso witzig wie hintersinnig die bunten Ergebnisse dieser scheinbar unsinnigen Experimente.

Nächtelang sichtet sie Hunderte von Dias – Familienfotos von Unbekannten, die eher zufällig in ihren Besitz gelangten. Der Prozess des Betrachtens, Versinkens, Sortierens, der Respekt vor dem Vorgefundenen – sie gehören ebenso zur ­Arbeit wie das Ergebnis. Dieses ist eine durch wiederholte Filterungen aus der Flut der Dias herausdestillierte Auswahl
an Porträts. Porträts von Personen, die uns immer fremd bleiben werden, alleine schon, weil auch die Künstlerin nichts über sie weiß; die aber so viel Intimität enthalten, dass wir unweigerlich meinen, die Menschen auf den Fotos zu kennen, dass wir uns kaum der Nähe und Liebe entziehen können, die in diesen Aufnahmen stecken. Wo bei Thomas Ruffs monumentalen Porträts von 1987/88 der Jedermann zur Kunst-Ikone wurde, durch die strenge Gestaltung eindeutig „Kunst“ und nicht Passfoto, dabei aber eben auch immer merkwürdig distanziert bleibend, da geht Kristin Kümmerle noch einen Schritt weiter: Hier ist IRGENDjemand zu sehen, fotografiert von irgendjemand anderem, ohne auf irgend­eine Technik zu achten. Der Zusammenhalt, das Kunstwerk, das intensive Erlebnis beim Betrachter entstehen einmal mehr durch die Befreiung der Fundstücke aus dem ursprünglichen Kontext und ihre Verfrachtung in eine museale ­Rezeptionssituation.

Das gleiche Prinzip verfolgte die Künstlerin bei der Auseinandersetzung mit Objets trouvés der ganz besonderen Art: ­umhäkelten Kleiderbügeln. Zunächst scheinen sie kaum mehr zu sein als Inbegriff von Spießigkeit und miefiger Sperrmüll. Doch Kristin Kümmerles Blick dringt auch hier unter die Oberfläche, sieht die Handarbeit fremder Frauen, entdeckt die Schönheit der Muster, und schließlich überwindet die Künstlerin durch eigenes Kleiderbügel-Umhäkeln ­Vorurteile und Konventionen. Sie holt uns das Erbe fremder Omas aus dem Dunkel schwerer Schränke, verleiht ihm gleichzeitig räumliche Leichtigkit und künstlerisches Gewicht. Und vermittelt wieder diese bezaubernde Mischung aus Poesie, Sehnsucht, unbestimmter, fiktionaler Erinnerung und Komik. Die Auseinandersetzung mit Frauenrollen
und Geschlechterklischees ist eine konsequente Fortsetzung vieler anderer Arbeiten von Kristin Kümmerle.

Wer mit Kristin Kümmerle spricht, mag sich bald wundern über die unvoreingenommene Liebe, die sie allen Wesen und Gegenständen entgegenbringt, Maden wie Menschen, häkelnden Omas wie taumelnden Blättern. Und im Jahr 2013 ganz besonders auch blühenden Pflanzen. Sie sammelte Blütenblätter von Löwenzahn und Pfingstrose, von Tulpe und Rose, von Sträuchern und Bäumen, trocknete sie in der Hitze ihres Dachbodens, mahlte sie in der Kaffeemühle,
bis der Motor barst, und entwickelte eine Technik, um dieses Blüten-Pulver möglichst unverändert auf Bildträger zu ­bringen. Die monochromen Farbstudien, die dabei entstanden sind, strahlen nicht nur in den erstaunlichsten Tönen, sie verströmen auch noch den Duft der Pflanzen, aus denen sie entstanden sind, und zeigen eine von Bild zu Bild ­wechselnde Oberflächen-Textur.

Auch in diesen, vordergündig einfach „schönen“ Bildern steckt neben der Liebe zur Natur das Forschen nach technischen Möglichkeiten, die vorübergehende Obsession der Beschäftigung mit einer Idee – und die Sehnsucht nach Harmonie und Glück als Gegengewicht zu den Traumata, die das Leben niemandem erspart. Zerbrechlichkeit, Unberechenbarkeit, Vergänglichkeit sind hier Bestandteile des Werks: Zu heftig bewegt, rieselt das Pulver von der Oberfläche – und wie sich die Farben im Sonnenlicht verändern werden, ist offen. So offen wie die Frage, welcher kleine Alltags-Moment wohl als nächstes in den Blick von Kristin Kümmerle gerät, um große Kunst zu werden.

Hans Schödel, 2013


Keramik // Skulptur // Fotografie // Video